Pflegekräfte aus Osteuropa
Wenn der Vater oder die Mutter Pflege benötigen, dann spielen sich in vielen Familien unbemerkt Dramen ab. Wer soll sich Tag und Nacht kümmern? Wer das bezahlen? Der einzige Ausweg, den inzwischen hunderttausende Familien notgedrungen gehen: eine Frau aus Polen, der Ukraine ... Doch legal ist das nur in den selten möglich. Und so stehen viele Familien oft mit einem Bein im Gefängnis, obwohl sie doch nur Vater oder Mutter versorgt wissen wollen.
Unsere Pflegekraft aus Osteuropa

© Rike/pixelio.de
Zwei Stunden lang lag Marga Baumann (Name geändert) im Nachthemd auf den kalten Fliesen in der Küche, bis eine Nachbarin sie schließlich fand. In letzter Minute, denn die 80jährige war schon stark unter-kühlt. Ihr Sohn Günther Baumann war geschockt als die Nachbarin ihn anrief: „Ich kam jeden Tag in der Mittagspause, um meiner Mutter das Essen warm zu machen, aber an diesem Tag ging es nicht. Wir hatten ausgemacht, dass ich am Abend komme und ich hatte sie angefleht, nicht alleine zu kochen. Aber sie hat wie so oft auf ihren Abläufen bestanden“, sagt der 55jährige bitter.
Nach seiner Scheidung vor fünf Jahren war der tägliche Besuch bei seiner Mutter ein schönes Ritual. Doch irgendwann wurde aus dem 5- bis 10-Minuten-Besuch bei einer Tasse Kaffee mehr. Die rheumatischen Schübe von Marga Baumann wurden häufiger und heftiger, sie wurde unsicherer, stolperte oft. Und Günther Baumann übernahm immer mehr Aufgaben im Haushalt: Einkaufen, Kochen, schließlich half er ihr auch morgens beim Aufstehen. Der Sturz der Mutter war für ihn ein Schock, aber auch eine Erlösung. „Ich habe mir endlich eingestanden, dass meine Mutter ein Pflegefall ist und ich es alleine nicht mehr schaffe.“
Doch woher Hilfe nehmen? Der Pfarrer der Gemeinde gab ihm schließlich die Telefonnummer von Maria, einer polnischen Pflegerin. Seit fünf Monaten lebt Maria nun im Haus der Mutter, ist rund um die Uhr für sie da. „Wie sehr mich die Situation belastet hat, merke ich erst jetzt. Ich kann wieder schlafen, ich habe nicht mehr diese ständige Unruhe und es gibt sogar Tage, an denen ich gar nicht an meine Mutter denke. Maria hat eine riesige Last von meinen Schultern genommen.“
Und gleichzeitig eine neue Angst ins Leben von Günther Baumann gebracht: 800 Euro zahlt er monatlich an Maria. Schwarz! „Es ist illegal, aber ich habe keinen anderen Ausweg gesehen. Ein Heim hätte mir meine Mutter nie verziehen.“
So wie Günther Baumann denken – und handeln – immer mehr Kinder, die ihre Eltern versorgen wollen und müssen. „Heime haben einen schlechten Ruf, und Kinder wollen das ihren Angehörigen ersparen“, sagt der Jurist und Gerontologe Thomas Klie, Professor an der Evangelischen Hochschule Freiburg. „Osteuropäische Pflegekräfte sind eine bezahlbare und verlockende Alternative “. Für viele die Einzige.
Denn: Eine Pflegerin aus Osteuropa kostet oft nur einen Bruchteil eines Platzes in einem Heim. Dafür werden im Schnitt 3.500 Euro je Monat fällig; da gleichzeitig die Pflegeversicherung maximal 1.470 Euro übernimmt, müssen knapp 2.000 Euro vom Pflegedürftigen bezahlt werden. Und weil die Rente der Allermeisten gar nicht so hoch ist, müssen dann auch noch die Kinder einspringen oder Ersparte der Eltern aufgebraucht werden. Eine Pflegerin aus Osteuropa, die im Haushalt lebt, ist meist aus dem Pflegegeld und Rente zu finanzieren. Zum Vergleich: Eine 24-Stunden-Betreuung durch einen deutschen Pflegedienst kostet etwa 8.000 bis 10.000 Euro je Monat.
Kein Wunder, dass Experten schätzen, dass etwa 150.000 Pflegekräfte privat in deutschen Haushalten arbeiten – nur ein Bruchteil legal. Mittlerweile hat sich ein regelrechter Schwarzmarkt für polnische oder ukrainische Frauen gebildet, die für einige Monate hier in Familien leben, dann kurz zurückgehen, um dann wieder für einige Monate hier in Familien Angehörige zu pflegen. Per Zeitungsanzeigen, oft aber auch über den Hausarzt oder wie bei Günther Baumann über die Kirchen werden die Kontakte nach Polen, Rumänien oder Bulgarien hergestellt. Die Nachfrage ist riesig. „In den Familien spielen sich Tragödien ab“, sagt der Pflegexperte und Autor Claus Fussek. „Angehörige haben die Wahl zwischen Pest und Cholera. Verstoße ich gegen geltendes Recht oder mache ich Freiheitsberaubung, indem ich meine Mutter gegen ihren Willen ins Heim stecke.“ Und die Frauen aus Osteuropa füllen eine Lücke. Prof. Thomas Klie: „Ohne osteuropäische Pflegekräfte hätten wir eine Unterversorgung. Wir können nicht jeden in ein Pflegeheim stecken.“
Und die Situation wird immer dramatischer: Während derzeit etwa 2,1 Millionen Menschen pflegebedürftig sind, wird diese Zahl stetig steigen. Verständlich, dass deshalb der Bedarf nach Pflegerinnen, die in die Familie kommen, immer größer wird. Mittlerweile hat sich ein grauer Markt entwickelt, in dem legale und illegale Beschäftigungen leicht ineinander gehen. Hilfe versprechen beispielsweise Vermittlungsagenturen, die ein zwei Arten von legaler Rund-um-die Uhr-Versorgung im Rahmen des EU-Rechts anbieten:
Frauen aus Osteuropa melden sich bei deutschen Finanzämtern als selbständige Haushaltshilfen an und berufen sich auf die Niederlassungsfreiheit innerhalb der EU. Die Agenturen vermitteln diese Frauen dann in deutsche Haushalte, die dafür zwischen 1300 und 1500 Euro pro Monat bezahlen. Hinzu kommen freie Kost und Logis. Das Amtsgericht München hat jetzt allerdings in einem Prozess gegen einen Vermittler diese Praxis für illegal erklärt. Der Vorwurf: Scheinselbständigkeit. Der Fall liegt nun beim Landgericht. Der Bundesverband der Vermittlungsagenturen für Haushaltshilfen und Seniorenbetreuung in der 24-Stunden-Betreuung (BHSB), dessen Mitglieder ebenfalls selbständige polnische Haushaltshilfen nach Deutschland vermitteln, sieht keinen Grund die bisherige Vermittlungspraxis in Zweifel zu ziehen. „Das Urteil ist nicht rechtskräftig und unsere Verbandsmitglieder arbeiten völlig korrekt“, sagt ihr Sprecher Werner Tigges.
Vermittlungsagenturen wie „Die Familienagentur“ oder „promedi-ca24“ kooperieren im Rahmen der EU-Dienstleistungsfreiheit mit polnischen Pflegeunternehmen. Denn: Osteuropäische Pflegeunternehmen dürfen ihre Dienste auch in Deutschland anbieten. Voraussetzung: die Behörden im Heimatland, etwa Polen, erteilen eine Entsendebescheinigung. „Die Betreuerinnen sind bei der polnischen Dienstleistungsfirma fest angestellt, gemeldet und sozialversichert“, erklärt Sabrina Kubis, Inhaberin der Familienagentur. Ihre Anweisungen erhalten die Betreuer von der polnischen Firma. Grundlage ist ein Vertrag, den Sabrina Kubis vorher mit den deutschen Auftraggebern ausgearbeitet hat. Etwa drei Monate arbeitet eine Betreuerin in einem Haushalt, dann wird sie von einer anderen Betreuerin abgelöst. Rechtliche Gründe, aber auch ganz praktische spielen dabei eine Rolle. „Wer drei Monate lang sieben Tage die Woche arbeitet, braucht eine Auszeit. Außerdem haben die Betreuerinnen ja eine Familie in Polen.“
Anja Swaril (41) hat über die Familienagentur für ihren an Demenz erkrankten Vater eine osteuropäische Haushaltshilfe engagiert. „Mein Vater ist ein starker Raucher. Jeden Tag habe ich neue Brandflecken entdeckt und ich habe in der ständigen Angst gelebt, dass er eine brennende Zigarette irgendwo liegen lässt. Ich konnte mich aber auch nicht ständig um ihn kümmern. Meine eigene Familie braucht mich auch. Es für mich sehr schlimm zu sehen, wie sich mein Vater, der früher so stark war, verändert hat. Aber ich merke, dass es ihm selbst gut geht. Und das liegt dar-an, dass immer jemand da ist und sich nur um ihn kümmert. In einem Pflegeheim wäre mein Vater nur einer von vielen, um den sich ein Betreuer kümmern müsste.“ Fast 2.000 Euro pro Monat plus Unterkunft und Verpflegung zahlt Anja Swaril für die Einzelbetreuung. „Ich wollte eine legale Lösung. Die Vorstellung, dass womöglich einmal die Polizei bei meinem Vater vor der Tür steht, ist entsetzlich.“
Ganz anders als bei Frank Lehmann. Der ehemalige Börsen-Reporter der ARD hatte ebenfalls eine Frau aus Osteuropa für seine Mutter engagiert – bis ihn eines Tages der Zoll aufsuchte und ein Haftbefehl wegen Schwarzarbeit erfolgte. Lehmann: „Es ist ein Skandal, was bei der Pflege geschieht, dass viele Kinder, die sich um ihre Eltern kümmern kriminalisiert werden und zu illegalen Verhalten gedrängt werden.“
Lehmanns Fall erregte so viel Aufmerksamkeit, dass inzwischen auch der Zoll vorsichtiger wurde, wenn es um osteuropäische Pflegekräfte geht. „Wir machen von uns keine Nachforschungen. Wir handeln nur bei Anzeigen“, sagt René Matschke, Leiter der Finanzkontrolle Schwarzarbeit München. Die Anzeigen kommen vor allem von Nachbarn und eher selten von Pflegediensten. Und für die Zollbeamten sind die Kontrollen nicht immer einfach. „Wir sehen ja selbst in welcher Zwangslage die Leute sind“, so Matschke.“
Dass viele Familien ohne die Hilfe osteuropäischen Haushalshilfen nicht zurecht kommen, hat auch der Staat erkannt. Seit 2005 vermittelt die Arbeitsagentur Haushaltshilfen aus Osteuropa in Haushalte mit Pflegebedürftigen. Mehr als 9.000 Familien haben dieses offizielle Angebot bisher genutzt. Der Haken: Wer sich absolut gesetzestreu verhalten will, muss nicht nur viel beachten, sondern muss es sich auch leisten können. So dürfen die vermittelten Frauen nur im Haushalt arbeiten, aber nicht pflegen. Das heißt, kochen und Wäsche waschen sind erlaubt. Kritisch wird es dagegen schon bei der morgendlichen Toilette.
Ingrid Schmidt hat sich dennoch für diesen Weg entschieden. Vor vier Jahren wurde ihr Mann Opfer eines Gewaltverbrechens. Seitdem ist der 50jährige schwerstbehindert. Er sitzt im Rollstuhl und ist auf Hilfe angewiesen – Tag und Nacht. Dank Svetlana Majore aus Rumänien kann Ingrid Schmidt trotzdem arbeiten oder sich abends einmal mit einer Freundin treffen. „Hätte ich sie nicht, dann müsste mein Mann ins Heim. Das wollte ich ihm und mir nicht antun.“ Zwei Mal am Tag kommt ein Pflegedienst, um dem 50jährigen beim Aufstehen, beim Waschen und beim Anziehen zu helfen. Die Vormittage verbringt er in einer Behindertenwerkstatt, kommt er zurück, sorgt Svetlana Majore für ihn.
1.294 Euro brutto beträgt der Mindestverdienst, den der deutsche Hausfrauenbund und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten für NRW, den Wohnort der Familie Schmidt festgelegt haben. Hinzu kommen freie Kost und Logis – und etwa 30 Prozent an Sozialversicherungsabgaben .
Auch Günther Baumann würde gerne für seine Mutter eine legale Betreuung suchen, doch das Angebot der ZAV hilft ihm nicht weiter. Die rechte Hand der 80jährigen ist mittlerweile völlig steif. Günther Baumann müsste also, so wie Ingrid Schmidt in jedem Fall noch einen Pflegedienst engagieren. Die Rente seiner Mutter reicht für beides nicht aus. So bleibt nur der – illegale – Weg: Maria. Und Günther Baumann graut schon vor dem Tag, an dem Maria zurück nach Polen müsste. „Für meine Mutter würde eine Welt zusammenbrechen. Maria ist für sie mittlerweile wie eine Tochter.“