Rom

Nach Rom im Advent

Rom ist immer zauberhaft. Doch gerade im Advent entfaltet die Stadt besonderen Charme: Die Piazzas sind festlich geschmückt, die Museen hat man fast für sich allein, selbst im Petersdom hält sich der Ansturm in Grenzen. Dafür locken unzählige Cafés ins Warme. Und die gute Chance auf eine Audienz beim Papst.

Rom

Piazza Navona
Rom
Rom bei Nacht

Das hölzerne weiße Karussellpferd hat schon bessere Tage gesehen: Farbe blättert von den Nüstern; wo einst das rechte Auge war, ist nur noch ein blinder Fleck; der rote Ledersattel ist notdürftig mit grau-schwarzem Stoff geflickt. Doch der kleinen Antonia ist dies alles, hoch zu Ross, völlig einerlei – sie strahlt nur vor Glück.

Weihnachtsmarkt auf der Piazza Navona, ein paar hundert Meter östlich des Tibers. Süßlich liegt der Geruch von Zuckerwatte und kandierten Äpfeln zwischen dem barocken Vier-Ströme-Brunnen und den alten Palästen ringsum. Seit 150 Jahren breitet sich hier der einzige richtige Weihnachtsmarkt Roms aus – vor allem aber: Vor einem schöneren Panorama werden weltweit nirgends heiße Maroni serviert. In den Buden (ja, die Buden sind ganz ähnlich wie in Bamberg, Gelsenkirchen oder Jena) werden aber statt Pfefferkuchen und Glühwein „panettone“ (ein Weihnachtskuchen, der wie Rosinenstuten schmeckt) und „spumante“ (süßer Schaumwein) angeboten. Natürlich wäre dies ein Grund, Rom im Dezember zu besuchen. Doch der wahre Grund sind die Menschen, zum Beispiel rund um die Piazza Navona: Sie haben Zeit, zu parlieren, sie gehen ihrem Alltag nach. Einem Alltag, den man im Frühjahr oder Sommer gar nicht wahrnimmt, weil ihn Touristenmassen ersticken.

Aber jetzt Anfang Dezember ist dies ganz anders. Auf dem ovalen Platz fanden in der Antike Wagenrennen statt, heute veranstalten die Römer hier ihren Zirkus der Eitelkeiten. Wer Zeit hat, sollte sich tagsüber bei milden Temperaturen bis zu 18 Grad auf eine der Bänke oder draußen in eine Trattoria setzen. Mit der Sonnenbrille auf der Nase kann man bei einem „saltimbocca“, einem mit Salbei und Schinken garnierten Kalbsschnitzel, ungestört das Leben „alla romana“ studieren. Schließlich ersetzt die Piazza den Römern den „salotto“, die gute Stube. Viele wohnen eng, laut oder bei der Schwiegermutter. Die Piazza dagegen ist ihr Wohnzimmer, ihr Leben, Markt, Schwatzbörse, Richtstätte des guten Geschmacks. Hier geht man der Lieblingsbeschäftigung aller Römer nach: „bella figura“ machen. Mit unnachahmlicher Eleganz, dem banalen Alltag enthoben, flanieren und flirten sie. So wie der grau melierte Geschäftsmann im schicken dunkelblauen Anzug, der gerade den korrekten Sitz seiner Krawatte in einem Café-Fenster kontrolliert. Und Sekunden später versucht, mit einem breiten Grinsen die Aufmerksamkeit der deutlich jüngeren Frau im eleganten grauen Kostüm zu gewinnen. Er scheitert kläglich – sie setzt sich zu einem blonden Jüngling mit Dreitagebart und weißem Hemd an den Tisch.

Die passende Kulisse bietet die barocke Fassade der Kirche „Sant’Agnese in Agone“ direkt an der Piazza Navona. Die heilige Agnes, die „Keusche“, ist nämlich die geistige Herrin dieses Platzes. Sie gehört zu den wenigen heiligen Frauen, deren Name täglich in der Messe genannt wird. Einst hat sie in dem antiken Stadion, aus dem später die Piazza Navona wurde, den Märtyrertod erlitten. Als man sie nackt zur Richtbank führte, verhüllten ihre langen Haare ihren Leib. Danach wurde sie die Patronin der Jungfrauen und Gärtner.

 

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