Auswege aus der Sucht

Sucht – das passiert mir nicht, denkt man. Und dennoch, immer mehr Menschen, vor allem Frauen über 50, sind abhängig von Alkohol und vor allem von Medikamenten, oft ohne es zu merken. Experten haben Auswege entwickelt – für Betroffene und Angehörige.

Sucht – ein Massenphänomen

Keiner hat was gesagt. Wolfgang Sänger* ist Anfang 50 und leitet den Kundendienst eines großen Kaufhauses in Hamburg, als er zum ersten Mal ein kleines Glas Schnaps am Arbeitsplatz trinkt. Er tut das, um Fassung zu bewahren. Den ganzen Tag beschweren sich Kunden bei ihm. „Anfangs war das kein Problem für mich“, erinnert sich Sänger (heute 66). „Zuhause trank ich abends ein Glas Bier und schon war der angespannte Arbeitstag vergessen.“ Doch schnell reicht ein Bier nicht mehr. „Da trank ich eine Flasche, dann noch eine, noch eine … Dann habe ich mir zum ersten Mal eine Flasche Schnaps in den Büroschrank gestellt“, erzählt er. In den Neunzigern wird die Firma geschlossen. Eines will Sänger noch von den Kollegen wissen. „Habt ihr gemerkt, dass ich saufe?“ Fast jeder hat ja gesagt.

Wolfgang Sängers Geschichte ist typisch. Man driftet in die Sucht ab und das Umfeld weiß meistens Bescheid. Doch gerade die Sucht Älterer ist für viele – selbst für Angehörige – immer noch ein Tabu. Dabei kennt wahrscheinlich jeder einen Menschen um die 50 oder 60 mit einem größeren oder kleineren Alkoholproblem, denn nahezu jeder dritte Mann und fast jede zehnte Frau trinkt so viel, dass sie ihre Gesundheit massiv gefährden.

Und bei anderen Suchtmitteln ist die Situation ähnlich dramatisch: Immer mehr Menschen über 50 sind abhängig von Medikamenten – Tendenz stark steigend. Experten schätzen, annähernd 2 Millionen Deutsche sind tablettensüchtig, oft ohne es zu wissen; vor allem nach

  • synthetischen Schlaf- und Beruhigungsmitteln,
  • nach Schmerz- und Aufputschmitteln,
  • aber auch nach Hustenmitteln und Appetitzüglern.
Jeder Zweite über 65 findet ohne Schlafmittel, wovon viele süchtig machen, keine nächtliche Ruhe mehr. Eine weitere Million Deutsche gilt als stark suchtgefährdet durch Medikamente.

Zum Vergleich: Von Heroin sind „nur“ 250.000 abhängig.
Anders als bei Alkohol, bei dem sich die Sucht meist über Jahre entwickelt, wird man von Tabletten viel schneller und vor allem ungewollt abhängig: Bereits wenn man mehr als 10 Schmerztabletten im Monat nimmt, kann man von ihrer Wirkung abhängig werden, auch wenn die Präparate rezeptfrei sind.

Psychopharmaka, beispielsweise Mittel gegen Depressionen und Ängste, sehr häufig von Frauen über 50 eingenommen, können schon nach drei bis vier Wochen Einnahme abhängig machen;
das gilt auch für synthetische Schlaf- und Beruhigungsmittel, etwa mit Wirkstoffen aus der Gruppe der Tranquilizer, Benzodiazepine, Nicht-Benzodiazepin-Agonisten und Antihistaminika – alle machen abhängig, ohne dass man es merkt.

Inzwischen ist die Zahl der Älteren, die abhängig sind, so stark gestiegen, dass selbst die staatliche Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren eine eigene Seite im Internet (www.unabhaengig-im-alter.de) mit Hilfen geschaltet hat.

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